Das Grundrecht der Kirchen auf Religionsfreiheit – habe ich doch richtig gehört in der Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichtes, oder? Mit Verlaub, das ist ja wohl unfassbar. Die Kirchen haben ein Grundrecht oder wir? Was ich persönlich von den Kirchen halte kann ich ja mal näher erläutern, passt aber nicht zum aktuellen Thema. Meine Meinung ist aber in einem weiteren Punkt bestätigt.
Absolut verstehen kann ich die Situation des bzw. im Einzelhandel/s. Mit Blick auf die Beschäftigten kann man dem Urteil, mindestens zwei freie Adventssonntage (ähm, sind immer Sonntage, die Advents, oder? Keine Ahnung, bitte berichtigen ggf.) einzuhalten ab nächstem Jahr und in Berlin nur beipflichten.
Als Sozi müsste ich sogar noch einen draufsetzen: Zwei freie Tage gefälligst und die doch bitteschön möglichst am Samstag und Sonntag! 40-Stunden-Woche (ähm, ne, weniger…). Überspitzt, klar, aber aus damaliger Sicht, als diese sozialen Rechte errungen wurden, glasklar berechtigt!
Für uns alle ist der Einzelhandel und dessen Beschäftigten, als diejenigen in den “weißen Kitteln” vor Ort, tagtäglich, im Laufe der Zeit eine Selbstverständlichkeit geworden in dem Sinne, dass er “zu spuren” hat. Der Kunde ist König und wenn ich mit dem Finger schnippe, habe ich gefälligst im Schlaraffenland zu sein, da warte ich dann auf die gebratenen tieffliegenden Hühnchen. So ähnlich – muss ich zugeben – denke ich ja auch schonmal, aber eher selten.
Ich weiß noch, wie ich brav ehrfürchtig vor den Gläsern mit den Süßigkeiten wartete bis ich gefragt wurde im Tante-Emma-Laden. Da gab es Cola-Fläschchen und Teufelchen noch einzeln. Alles zusammen in eine spitze Papiertüte verpackt. Meine Tante väterlicherseits war so eine “Tante Emma”. In Hoven bei Erkelenz (heute noch ein Kaff, oder? Keine Ahnung). Mein heißgeliebtes Schwesterlein hat im Einzelhandel gelernt, natürlich auch mal an der Kasse des Supermarktes (Extra in Willich, kann ich ja ruhig sagen, ansonsten, Schwesterlein, Bescheid sagen wenn nicht). Einzelhandelseinblick hat sie mir gegeben, da sträubt sich aber jedes Nackenhaar!
Wenn mir die Kassiererin oder der Kassierer an der Supermarktkasse auf einen anderen, höherwertigen, Schein herausgibt als den, den er von mir bekommen hat, “protestiere” ich. Möglichst so, dass es keiner sonst mitbekommt. Ist mir schon passiert… Als Rechnungsführer bei der Bundeswehr ist es mir auch mal umgekehrt passiert, da klebten die nagelneuen Scheine aneinander. Und der Grundwehrdienstleistende (!) bemerkte es. [Ich weiß leider nicht mehr, wer es war, aber er hatte damit "refümäßig" bei mir natürlich für den Rest seiner Zeit einen guten Stand. Nein! Keine Vorteile über die Maßen, um den Verdacht gleich mal auszuräumen]
Der Einzelhandel, darin sind wir uns ja wohl relativ einig alle zusammen, hält uns “am Fressen”. Diese Lebensmittel wurden aber immer unter der Woche eingekauft, irgendwann ging das auch samstags, nachdem das durch die Woche am “SchlaDo” (Scheiß langer Donnerstag) so gut geklappt hatte.
Der Konsum wurde – und musste ja natürlich auch – mitgenommen werden. Bequemer wurde es natürlich, als die Öffnungszeiten verlängert wurden, schließlich der besagte Donnerstag hinzukam. Verkaufsoffener Samstag war doch zu meiner Kindheitszeit gerade in der Versuchsphase, wenn ich das richtig im Sinn habe. Und der Sonntag ist es also nun schon, der dem Ausruhen der Bevölkerung – oder des Geistes ? – Entgegensteht?
Kirche, mach’ Sonntag
ist jetzt mal eine Provokation meinerseits. Jede Menge Leute, die am Sonntag ausschlafen könn(t)en und wollen werden nicht unoft an ebendiesem Ansinnen gehindert durch Glockengeläut, was doch eh überflüssig ist, weil die, die am Sonntag dem Pfaffen den Sonntagszuschlag aufzwingen, die Termine doch ohnehin wissen…
Der Einzelhandel, und nicht nur der, in Berlin und überall in der Republik, wird ganz sicher wissen, was er macht und tut. Und ich behaupte mal, dass nicht alle über einen Kamm geschert und als Menschenverachter gesehen werden können. Zu viele, keine Frage. Aber die Mehrheit wird sich betriebsintern einigen, da bin ich mir sicher.
Die mediale Auswahl der “repräsentativen” Meinungsäußerungen von Konsumenten, die mit Einkaufstaschen von Firmen posieren, die diese vielleicht nur in Verbindung mit einem Streichholzbriefchen als Werbegeschenk im Hinblick auf bessere Zeiten ausgeteilt hat, lässt jedenfalls null Rückschlüsse auf die allgemeine Meinung zu. Meine ich. Ganz subjektiv.
Wie viele viele andere habe ich absolut keine Lust darauf, meinem Chef zu sagen: “Wissense was, sonnstags arbeite ich nicht.” Das hat noch nicht mal etwas mit Angst vor Arbeitslosigkeit zu tun. Aber wir müssen eben praktisch an jedem Tag im Jahr, rund um die Uhr, auf Achse sein. Natürlich ist dafür Personal nötig. Natürlich hätte dieses Personal dafür auch ganz gerne den einen oder anderen Euro auf dem Konto des Monatsendes und selbstverständlich wäre es toll, wenn man das im Verbund aller Kolleginnen und Kollegen auch mit Spaß an der Sache hinbekommen könnte. Funzt. Echt. Mit Macken hie und da, ist ja klar, aber haut hin.
Die Kirche ist jedenfalls meines Erachtens alles andere als befugt, um sich um solche Dinge zu kümmern. Das ist es auch, weshalb ich damals für mich entschieden hatte, aus Überzeugung auszutreten.
Bevor sich jetzt Spötter (also tatsächliche Besucher meiner Seite) zu Kommentaren hinreißen, mir weitere Austritte zu empfehlen: Ne. Aber die Politik hat das, was heute beim Bundesverfassungsgericht mit zu verantworten. Und diese Politik sollte sich nicht erst nach dem Urteil mal fragen, wie nah sie denn denen ist, denen sie nicht dienen soll, sondern zu dienen hat
.
In sofern müsste ich die Kirche ja sogar loben. Müsste… Mache und kann ich aber nicht.



Otto Weber
via Website
21 Dez 2009
Hallo Nobbi,
hier kommen Kirche und meine Gewerkschaft zusammen:
Was viele vergessen haben. Die erste Schutzvorschrift für Arbeitnehmer lautete:
Am siebten Tage sollst Du ruh’n.
Das ist natürlich kein Grundrecht der Kirche, sondern ein Grundrecht der Arbeitnehmer.
Ohne Pausen geht es nicht.
Otto
Nobbi
» Autor-Kommentar «
21 Dez 2009
Hier wurde aber der Sonntag “gefordert”. Und das geht absolut nicht. Die Gewerkschaft sagt übrigens, dass man maximal 10 Arbeitstage am Stück haben darf und dann Freizeit angesagt sein muss.